Wann werden Kinder und minderjährige Jugendliche unter Vormundschaft gestellt?
Immer dann, wenn Eltern die elterliche Sorge nicht mehr ausüben können. Gründe hierfür können z.B. Tod oder schwere Krankheit der Eltern sein, der Entzug des Sorgerechts aufgrund von Vernachlässigung, Gewalt oder Missbrauch oder weil es sich um unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge handelt.

 

Ein Vormund übt die elterliche Sorge aus. Was genau beinhaltet diese Rolle?
Minderjährige können wesentliche Entscheidung für sich nicht alleine treffen sondern brauchen einen rechtlichen Vertreter, der diese Entscheidungen für sie fällt. In der Regel sind dies die Eltern. Bei Kindern, deren Eltern nicht mehr für sie sorgen können übernimmt diese Rolle der Vormund. Er entscheidet somit über alle Belange von erheblicher Bedeutung für sein Mündel, wie z.B. die Schulwahl/Ausbildung, medizinische Versorgung, Pflege und Erziehung und kindgerechte Unterbringung. Darüber hinaus sollte der Vormund aber auch eine Bezugsperson für das Kind sein, jemand der sich für es einsetzt, ihm zuhört, für seine Sorgen da ist und seine Interessen vertritt. Bei den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen ist es sicherlich auch eine wesentliche Aufgabe des Vormunds, diese bei der Integration in unsere Gesellschaft zu unterstützen.

 

Laut Gesetz hat die ehrenamtliche Vormundschaft Vorrang vor der Amtsvormundschaft.
Wie sieht die tatsächliche Praxis aus?
Trotz des klaren Vorrangs der ehrenamtlichen Vormundschaft im Gesetz stehen in Deutschland 80% aller Kinder, deren Eltern die elterliche Sorge nicht mehr ausüben können , unter Amtsvormundschaft. Für diese 80 % der Kinder übt also das Jugendamt die elterliche Sorge aus. Ein Amtsvormund betreut laut Gesetz bis zu 50 Mündel –bei dieser Zahl hat er im Schnitt 3,2 Stunden im Monat pro Kind zur Verfügung, um die elterliche Sorge auszuüben. Wenn man bedenkt, dass darin noch die Zeiten für die administrativen Tätigkeiten, Aktenführung, Fahrtzeiten zu den einzelnen Mündeln usw enthalten sind, kann man sich vorstellen, dass es da – bei allem Engagement der Amtsvormünder- manchmal schwer sein kann jedem Kind zeitlich gerecht zu werden.

 

Wo sehen Sie die Vorteile des ehrenamtlichen Vormundes für die Mündel?
Ein Vormund betreut nur ein einziges Mündel – da hat er natürlich wesentlich mehr Zeit für sein Mündel zur Verfügung als ein Amtsvormund. Als feste Bezugsperson kann ein ehrenamtlicher Vormund eine feste Konstante im Leben seines Mündels sein: Betreuer in den Einrichtungen (Heimen oder Wohngruppen, in denen die Kinder leben) haben Schichtdienst, wechseln den Job oder die Einrichtung. Ähnliches gilt für Amtsvormünder. Dabei brauchen gerade diese Kinder und Jugendlichen, die alle viel Schlimmes erleben und durchmachen mussten, jemanden der dauerhaft für sie da ist und sie unterstützt. Ein Mündel sagte einmal ganz begeistert “ Wirklich, die ist dann nur ganz für mich alleine da?” Darüber hinaus sollte ein ehrenamtlicher Vormund – im Gegensatz zum Amtsvormund – auch für sein Mündel da sein, über das Erreichen der Volljährigkeit hinaus: Diese Kinder und Jugendlichen stehen in der Regel mit 18 ohne abgeschlossene Ausbildung da und sollen nun auf einmal alles alleine lösen – dabei fangen gerade da viele Herausforderungen des Lebens erst einmal so richtig an. Auch da liegt ein großer Vorteil eines ehrenamtlicher Vormunds: er kann dann sein Mündel weiterhin begleiten, es bei der Verselbständigung unterstützen und beratend zur Seite stehen auch über das 18. Lebensjahr hinaus. Eine ganz erhebliche Rolle kommt dem ehrenamtlichen Vormund bei der Integration von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen zu – Momentan befinden sich ca. 60.000 unbegleitet minderjährige Flüchtlinge in Deutschland – diese zu integrieren und Ihnen Halt und eine Perspektive zu geben ist auch für uns als Gesellschaft extrem wichtig. Integration kann nirgends so gut gelingen wie durch eine 1:1 Betreuung wie sie ein ehrenamtlichen Vormund leisten kann. Insofern übernehmen ehrenamtliche Vormünder mit Ihrem Engagement Verantwortung für eine Aufgabe, die uns alle angeht.

 

Was ist der Unterschied zu Pflegeeltern?
Ein ehrenamtlicher Vormund nimmt die Kinder nicht bei sich zu Hause auf, die Kinder und Jugendlichen leben alle in Heimen oder Wohngruppen. Die tatsächliche Aufsicht liegt somit in der Regel bei den Betreuern in der Einrichtung, die das Kind/ den Jugendlichen tagtäglich um sich haben – da ist es wichtig dass der Vormund mit diesen konstruktiv zum Wohle des Mündels zusammenarbeitet. Er muss also die Interessen und das Wohl seines Mündels als erste Priorität im Blick haben, aber darüber hinaus auch das Lebens-Umfeld des Mündels immer mit berücksichtigen.

 

Die Übernahme einer Vormundschaft ist eine sehr verantwortungsvolle
Aufgabe. Welche Voraussetzungen sollte ein ehrenamtlicher Vormund mitbringen?
Was wird nicht von ihnen erwartet?
Zunächst ist es wichtig festzustellen, dass der Vormund keine besondere fachliche Qualifikation mitbringen muss. Dafür erhält er bei uns die Schulungen. Er sollte aber bereit sein sich fachspezifisches Wissen, welches sein Mündel betrifft, anzueignen. Da viele Entscheidungen für das Mündel in Absprache mit anderen Beteiligten im Jugendhilfesystem wie Betreuer oder Jugendamtsmitarbeiter getroffen werden müssen, sollte der Vormund bereit und dazu in der Lage sein, konstruktive Dialoge mit allen Beteiligten zu führen und dabei das Wohl seines Mündels nicht aus den Augen zu verlieren. Toleranz und eine offene Haltung anderen Lebenswirklichkeiten gegenüber ist ebenso wichtig wie die Bereitschaft sich bei Schwierigkeiten und Fragen Hilfe zu holen. Vor allem aber muss die Bereitschaft und zeitliche Ressource gegeben sein, ein kontinuierliches und nach Möglichkeit längerfristiges Engagement zu zeigen. Ansonsten ist es wie bei vielem im Leben: gesunder Menschenverstand und ein Herz auf dem rechten Fleck sind immer hilfreich und ein Stück weit wächst man in diese Aufgabe auch hinein. Der Kinderschutzbund unterstütz die Vormünder auch intensiv während Ihrer Tätigkeit durch Beratung, Netzwerk und Supervision.

 

Wie gewinnen Sie engagierte Bürger und Bürgerinnen für dieses Ehrenamt?
Wir stellen das Projekt der Presse und in verschiedensten Netzwerken, Firmen und bei diversen sozialen Einrichtungen vor. Des weiteren hat die Erfahrung anderer Ortsvereine des Kinderschutzbunds, die schon länger ehrenamtliche Vormundschaften anbieten gezeigt, dass nach einiger Zeit die „Mund zu Mund Propaganda“ der aktiven Vormünder sehr effektiv ist: Die Übernahme einer Vormundschaft ist ein sehr besonderes Ehrenamt: Es beinhaltet ein hohes Maß an Selbständigkeit und Eigenverantwortung und wird von vielen ehrenamtlichen Vormündern als sehr erfüllend wahr genommen – man kann wirklich etwas zum Guten bewegen und die Weichenstellung und somit Zukunftsperspektive für ein Kind oder Jugendlichen in schwierigster Lebenssituation verändern. Dies zeigt sich auch darin, dass viele Vormünder nach dem offiziellen Auslaufen Ihrer ersten Vormundschaft wieder erneut Verantwortung für ein neues Mündel übernehmen.

 

Im Moment läuft die erste Runde der Schulung. Wie und in welchen Bereichen werden potentiellen ehrenamtlichen Vormünder
geschult?
Die Vormünder erhalten Schulungen durch Fachreferenten in den rechtliche, sozialpädagogischen und psychologischen Grundlagen die eine Vormundschaft betreffen.

 

Gibt es seine besondere Schulung im Zusammenhang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen?
Ja. Unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge haben häufig noch ganz eigene Themen, die man als Vormund kennen sollte und daher gibt es sowohl eine sozialpädagogische Schulung speziell für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, als auch eine Aufenthalts und Asylrechtliche Schulung sowie eine Schulung mit dem Schwerpunkt Traumata/Flucht/Migration. Die Vormünder müssen nicht alles alleine lösen, aber uns vom Kinderschutzbund ist es wichtig, dass sie die besonderen Problematiken mal gehört haben damit sie keine falschen Erwartungen an ihr Mündel haben und einschätzen können wann sie Hilfe in Anspruch nehmen sollten.

 

Wie sieht die Zusammenarbeit mit dem zuständigen Jugendamt bei der Auswahlvon Mündel und passendem Vormund aus?
Der Kinderschutzbund führt mit dem Jugendamt gemeinsam eine Fallbesprechung zu dem jeweiligen Mündel durch, um einschätzen zu können, welcher Vormund zu welchem Mündel passt. Die Mündel haben unterschiedliche Bedürfnisse, sind unterschiedlich gut in den verschiedenen Einrichtungen eingebunden/aufgehoben und auch die Vormünder sind sehr verschieden, mit verschiedenen Stärken und Eigenschaften die sie mitbringen. Einem männlichen Vormund der weniger Zeit hat, liegt vielleicht ein männlicher Jugendlicher, der nur in unregelmäßigen Abständen einen Austausch führen will und ansonsten schon sehr selbständig ist mehr als ein Mädchen, dass in nächster Zeit mehr Ansprache braucht. Da schauen wir genau hin, dass das passt. Es können auch nicht alle Mündel an einen ehrenamtlichen Vormund vermittelt werden: Kinder und Jugendliche, die z.B. jegliche Hilfe ablehnen, oder höchst traumatisiert sind bleiben in den Händen der professionellen Betreuer des Jugendamtes.

 

In diesem sicherlich erfüllendem Ehrenamt gibt es einzelfallbezogen viele Fragen und bleiben auch vermutlich gewisse Probleme nicht aus. Welche Situationen können sich aus Ihrer Erfahrung ergeben?
Für Vormünder, die gezielt ein Kind oder einen Jugendlichen helfen und unterstützen wollen und die besten Absichten haben, kann es durchaus eine Herausforderung sein, das sie nicht einfach loslegen können, sondern mit anderen Beteiligten im Helfersystem den Dialog führen müssen: Die Mündel leben eben nicht bei den Vormündern zu Hause sondern in Heimen oder Wohngruppen in denen es Konzepte, Gruppendynamiken und pädagogische Konzepte zu berücksichtigen gilt. Bei Meinungsverschiedenheiten zwischen den Beteiligten stehen wir den Vormündern beratend zu Seite und übernehmen – falls nötig – die Mittlerfunktion.

Generell kann eine falsche Erwartungshaltung, die an das Mündel oder an die Ausübung der Vormundschaft geknüpft ist, schwierig sein. Um gegenseitige Erwartungen miteinander abzustimmen führen wir daher im Vorfeld intensive Einzelgespräche mit den Vormündern und auch in den Schulungen wird darauf noch einmal gesondert eingegangen.
Dennoch hat natürlich jeder eine gewisse Vorstellung davon, wie eine Vormundschaft verlaufen könnte – wenn diese dann ganz anders verläuft und die Beziehung zum Mündel sich nicht so entwickelt wie erhofft, kann das für den Vormund enttäuschend sein.

 

Welche Funktion übernimmt der DKSB, um zur Lösung beizutragen?
Welche begleitenden Angebote der Unterstützung stehen ehrenamtlichen Vormündern offen?
Der Kinderschutzbund bietet eine Reihe von Maßnahmen, um die Vormünder während Ihrer Tätigkeit zu unterstützen: Neben der Ausbildung, die die Vormünder zur Vorbereitung auf Ihre Aufgabe bei uns durchlaufen organisieren wir zum einen regelmäßige Treffen der Vormünder am „runden Tisch“. Solch ein Austausch untereinander hilft oft, um sich die nötige Kraft für den „langen Atem“ bei evtl. Durststrecken zu holen wenn es mal nicht so läuft. Da kann es hilfreich sein zu hören, das andere ähnliche Schwierigkeiten hatten und wie sie damit umgegangen sind. Wir haben Vormünder aus den verschiedensten Bereichen, die alle die verschiedensten Fähigkeiten und Eigenschaften mitbringen, welche Sie auf diesem Wege in das Unterstützernetzwerk mit einbringen.
Darüber hinaus bietet der Kinderschutzbund Einzelfallberatung durch Fachleute an, regelmäßige Supervision sowie zielgerichtete Fortbildungsveranstaltungen zu Themen, welche die Vormünder bewegen.